Neue Forschungsergebnisse zeigen: Bei Menschen, die stark in kreative Arbeit eingebunden sind, folgt auf einen besonders produktiven Kreativtag häufig am nächsten Tag ein Anstieg negativer Gefühle – obwohl der Tag selbst das Wohlbefinden zunächst spürbar steigert.
Damit wird die verbreitete Annahme infrage gestellt, dass kreative Anstrengung verlässlich dafür sorgt, dass man sich nach getaner Arbeit automatisch besser fühlt.
Ein kreativer Kater
Über knapp zwei Wochen hinweg hielten Erwachsene in täglichen Kurzbefragungen fest, wie intensiv sie kreativ tätig waren und wie sie sich jeweils am Abend fühlten.
Auf Basis dieser Einträge dokumentierte Kaile Smith am CUNY Graduate Center, dass professionell tätige Kreative sich am Folgetag schlechter fühlten, wenn sie zuvor eine besonders kreative Phase erlebt hatten.
Dieses Muster zeigte sich sogar dann, wenn dieselben Personen für den Kreativtag selbst von stärkerer Einbindung, mehr Sinn und mehr Erfolgserleben berichteten.
Mit anderen Worten: Die emotionale „Auszahlung“ lief nicht auf einer einzigen Zeitschiene ab – ein Anlass, genauer hinzusehen, wie verschiedene Arten von Kreativen die Zeit nach intensiver Arbeit erleben.
Vorteile von Kreativität am selben Tag
Kreative Tage gingen bei fast allen mit höherem Wohlbefinden einher – und der Effekt war unmittelbar zu spüren.
In der täglichen Abfrage umfasste „Kreativität“ sowohl originelle Ideen als auch künstlerische Tätigkeiten; eine derartige Konzentration kann den Körper beruhigen.
Über die täglichen Erhebungen hinweg passte mehr Kreativität am jeweiligen Tag zu mehr positiven und weniger negativen Emotionen am selben Datum.
Von diesen Sofort-Effekten profitierten beide Gruppen, auch wenn die Stärke des Zugewinns in einzelnen Bereichen variierte.
Unterschiedliche Ausgangslagen
Als kreative Praktikerinnen und Praktiker – also Menschen, die kreatives Schaffen beruflich oder als ernsthaftes Hobby betreiben – galten Teilnehmende nur dann, wenn sie bezahlte Rollen hatten, entsprechende Studiengänge verfolgten oder 20 Stunden pro Woche dafür aufbrachten.
Wer diese Schwelle erreichte, war an den meisten Tagen kreativ aktiv; zudem war die Arbeit häufig eng mit Identität und Einkommen verknüpft.
Auf dem Ausgangsniveau meldete diese Gruppe insgesamt ein höheres Wohlbefinden, insbesondere mehr Engagement, bessere Beziehungen und mehr Sinn.
Dieser anfängliche Vorsprung lässt den Einbruch am Folgetag weniger wie ein Persönlichkeitsmerkmal wirken – und stärker wie eine Frage des Zeitpunkts.
Bewertung positiver und negativer Emotionen
Anstatt eine einzelne „Glückszahl“ zu suchen, verfolgte das Team Wohlbefinden als mehrere bewegliche Bausteine, Tag für Tag.
Dazu nutzten die Forschenden das PERMA-Modell, eine fünfteilig aufgebaute Landkarte des Wohlbefindens, um positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Leistung zu erfassen.
Zusätzlich zu PERMA bewerteten die Teilnehmenden Gefühle wie Angst, Ärger und Traurigkeit – so liess sich besser trennen, ob es ihnen gut ging oder ob sie sich schlecht fühlten.
Diese Auflösung ist wichtig, weil PERMA Leistung von Stimmung abgrenzt: Ein kreativer Tag kann das eine erhöhen, ohne automatisch das andere zu verbessern.
Das Tief am nächsten Tag
Am Folgetag verschob sich jedoch das Bild, als die Forschenden die Kreativität eines Tages mit dem Befinden am darauffolgenden Abend in Beziehung setzten.
Bei Profis hatte ein sehr kreativer Tag am nächsten Tag einen emotionalen Preis. Bei Gelegenheitskreativen führte derselbe Kreativitätsschub dagegen zu mehr positiver Stimmung und wärmeren sozialen Verbindungen.
So entsteht фактически ein „kreativer Kater“ für Profis – und ein sanfter Nachhall für Menschen, die nur gelegentlich kreativ sind.
Druck veränderte die Folgen
In diesem Zusammenhang verwies Jennifer Drake, Psychologieprofessorin an der CUNY, auf den Druck, der Kreative auch jenseits des Ateliers begleitet.
„Creative professionals are often under intense pressure – to perform, to produce, and to evaluate their own work,“ sagte Drake.
Wenn ein Projekt Bewertung und Beurteilung nach sich zieht, kann das Gehirn in Alarmbereitschaft bleiben – und die Stimmung am nächsten Tag kippt eher ins Negative.
Kreative Aktivität als Bewältigungsstrategie
Schlechte Tage führten mitunter dazu, dass Menschen kreativ wurden – dieses Muster zeigte sich jedoch nur in der weniger stark eingebundenen Gruppe.
In der Vergleichsgruppe sagte ein geringeres Wohlbefinden an einem Tag mehr Kreativität am nächsten Tag voraus, was darauf hindeutet, dass kreative Aktivität als Bewältigungsstrategie dienen könnte.
In der stark engagierten Gruppe stieg die Kreativität am Folgetag weder nach niedrigem Wohlbefinden an, noch sank sie nach hohem Wohlbefinden.
Dieser Gegensatz deutet darauf hin, dass Gelegenheitskreative gezielt zur Kreativität greifen können, wenn sie sich nicht gut fühlen – während Profis ohnehin weiterarbeiten.
Den „gequälten Künstler“ neu denken
In vielen Wellness-Debatten wird Kreativität als sofortiger Stimmungsaufheller behandelt, doch die Daten zeigten ein deutlich komplizierteres Timing.
„Creativity is usually framed as a straightforward path to feeling better,“ sagte Smith und erklärte damit, weshalb sie der Einbruch am nächsten Tag überraschte.
Für Profis kann kreative Anstrengung heute Freude und Leistung bringen – und morgen dennoch mehr negative Gefühle hinterlassen.
Deshalb sollte psychische Unterstützung auch Erholung mitdenken, wenn Programme Menschen zum kreativen Arbeiten ermutigen.
Gesündere kreative Routinen gestalten
Erholungszeit könnte das fehlende Element sein, da die Studie bei Profis einen Zusammenhang zwischen sehr intensiven Kreativtagen und Belastung am Folgetag fand.
Hilfreich kann es sein, das Erschaffen vom Bewerten zu trennen: Urteile halten die Stresssysteme des Körpers oft aktiv, selbst wenn die Arbeit bereits beendet ist.
In Arbeitsumgebungen und Kunstprogrammen könnten Rückmeldungen und Deadlines so geplant werden, dass genügend Luft bleibt – um den emotionalen Nachhall zu verringern.
Weil die Befragungen Menschen im echten Alltag begleiteten, können die Ergebnisse für einzelne Personen keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen.
Die Resultate zeichnen Kreativität als tägliche Kraft, die Wohlbefinden schnell anheben kann, während sie Emotionen zeitversetzt verändert.
Künftige Forschung kann prüfen, ob Schlaf, Arbeitslast oder der Zeitpunkt von Feedback den Kater-Effekt erklären – und welche Unterstützungsformen Profis am besten schützen.
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