Uralte Fußabdrücke zeigen, dass eine blühende Landschaft vor 1,5 Millionen Jahren im heutigen Kenia zwei verschiedene Homininen-Arten gleichzeitig tragen konnte – Seite an Seite.
Als Homo erectus und Paranthropus boisei – ersterer ein direkter Vorfahr, letzterer ein verwandter Seitenzweig moderner Menschen – im Turkana-Becken lebten, hinterliessen sie ihre Spuren. Rund um den See drückten sich ihre Füsse tief in den schlammigen Untergrund, vermutlich ohne dass sie dem besondere Beachtung schenkten.
Koobi Fora in Kenia: Spuren am ehemaligen Seeufer
Heute gehört dieses frühere Seeufer zum Fossilgebiet Koobi Fora. Genau dort belegen die Abdrücke erstmals, dass am selben Ort zur selben Zeit zwei klar unterscheidbare Muster zweibeinigen Gehens existierten.
„Their presence on the same surface, made closely together in time, places the two species at the lake margin, using the same habitat“, sagt der Geologe und Anthropologe Craig Feibel von der Rutgers University in den USA.
Dass sie „zeitlich eng beieinander“ entstanden, ist dabei keineswegs übertrieben. Laut einer Auswertung der Fussabdrücke unter Leitung des Biologen Kevin Hatala von der Chatham University in den USA wurden die Spuren am Fundort innerhalb weniger Stunden nacheinander in den Schlamm gesetzt.
„Fossil footprints are exciting because they provide vivid snapshots that bring our fossil relatives to life“, erklärt Hatala.
„With these kinds of data, we can see how living individuals, millions of years ago, were moving around their environments and potentially interacting with each other, or even with other animals. That's something that we can't really get from bones or stone tools.“
Warum Fussabdrücke mehr verraten als Knochen und Werkzeuge
Knochen zählen zwar zu den faszinierendsten Überresten der Vergangenheit. Doch wer verstehen will, wie uralte Menschen tatsächlich lebten, muss auch andere Spuren auswerten, die sie hinterlassen haben. Dazu gehören Werkzeuge – und in seltenen Fällen bewahrt die Erde sogar den buchstäblichen Abdruck derjenigen, die einst über ihre Oberfläche gingen.
Von den Fussabdrücken in Koobi Fora weiss die Forschung bereits seit 2007. Sie gelten als das bislang älteste bekannte Beispiel dafür, dass Homininen so aufrecht gingen, wie wir es heute tun. Die Abdrücke zeigen ein vergleichbar langes Schrittmuster und den Abroll- beziehungsweise Abstossmechanismus über die Zehen, wie ihn moderne Menschen nutzen.
Seit der Entdeckung von 2007 wurden in Koobi Fora jedoch weitere Spuren gefunden – am jüngsten im Jahr 2021, als besonders tiefe und aussergewöhnlich gut erhaltene Abdrücke freigelegt wurden. Sie waren einst in weichen, matschigen Schlamm eingedrückt worden.
Später überdeckten zusätzliche Sedimentschichten die Stelle und verdeckten die Spuren. Das Feldteam konnte sie jedoch 2022 ausgraben, sodass Forschende sie im Detail untersuchen konnten.
Zwei Arten, zwei Gangarten: Homo erectus und Paranthropus boisei
Hatala ist Spezialist für Fussanatomie. Gemeinsam mit seinem Team nahm er die Spuren am Fundort gründlich unter die Lupe. Zum Einsatz kamen zwei- und dreidimensionale Messverfahren auf Basis von Scans der Abdrücke; zudem rekonstruierten die Forschenden das „Profil“ des Tritts, der die Eindrücke erzeugt hatte.
Das Ergebnis: In den versteinerten Spuren lassen sich zwei unterschiedliche Gehweisen erkennen – und sie passen zu zwei verschiedenen Homininen-Arten, von denen bekannt ist, dass sie das Gebiet bewohnten. Weil die Abdrücke in derselben Sedimentschicht auftreten, müssen sie auch zur gleichen Zeit entstanden sein.
Da für beide Arten unterschiedliche Ernährungsweisen und Lebensstile angenommen werden, dürfte die Konkurrenz zwischen ihnen eher gering gewesen sein. Damit steigen die Chancen, dass sie relativ friedlich nebeneinander existierten.
Die Geschichte der Homininen auf der Erde war insgesamt komplex, und wie die Arten zueinander standen, ist bis heute weitgehend unklar. Doch immer mehr Hinweise – einschliesslich genetischer Spuren von Denisovanern und Neandertalern, die sich in unserer eigenen DNA finden – zeigen, dass Homininen-Arten durchaus nebeneinander leben konnten.
Die neue Studie legt nahe, dass auch Entstehung und Weiterentwicklung des zweibeinigen Gehens mindestens so vielschichtig verliefen wie andere Teile der Evolutionsgeschichte der Homininen.
Skelettfunde von H. erectus und P. boisei tauchen in Koobi Fora häufig in denselben geologischen Schichten auf. Allerdings können Knochen verlagert werden; allein auf dieser Grundlage ist es nicht immer einfach, ein tatsächliches Nebeneinander im gleichen Lebensraum (Sympatrie) überzeugend zu belegen.
„This proves beyond any question that not only one, but two different hominins were walking on the same surface, literally within hours of each other“, sagt Feibel.
„The idea that they lived contemporaneously may not be a surprise. But this is the first time demonstrating it. I think that's really huge.“
Die Forschungsergebnisse wurden in Science veröffentlicht.
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