Zum Inhalt springen

SWISS100: Blutproteine zeigen, warum Hundertjährige in der Schweiz biologisch jünger wirken

Ältere Frau joggt auf Bergwanderweg, im Vordergrund Arm mit Smartwatch, sonnige Alpenlandschaft im Hintergrund.

Nur ein winziger Anteil der Schweizer Bevölkerung erreicht ein Alter von über 100 Jahren – rund 0.02 percent. Diese Seltenheit führt zu einer naheliegenden Frage: Lassen sich bei Menschen, die 100 werden, biologische Merkmale messen, die sie von anderen unterscheiden?

Ein Team des SWISS100-Projekts – der ersten grossen Schweizer Forschungsinitiative, die sich gezielt Hundertjährigen widmet – liefert Hinweise darauf, dass dies tatsächlich der Fall sein könnte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Genf (UNIGE) und der Universität Lausanne (UNIL) stellten Blutprofile von Hundertjährigen denen von Menschen in ihren 80ern gegenüber und verglichen diese zusätzlich mit Erwachsenen im Alter von 30 bis 60.

Über einen Satz von 37 Proteinen hinweg wirkten die Hundertjährigen dabei überraschend „jung“ – besonders bei Markern, die mit oxidativem Stress in Verbindung stehen.

Außergewöhnliches Altern im SWISS100-Projekt

SWISS100 ist als breit angelegter Ansatz konzipiert, um außergewöhnliche Langlebigkeit aus mehreren Blickwinkeln zu verstehen – nicht nur biologisch. Unter der Leitung von Daniela Jopp, Professorin an der UNIL, verbindet das Projekt Soziologie, Psychologie, Medizin und Biologie.

Der biologische Teil wurde von Karl-Heinz Krause, emeritierter Professor der Medizinischen Fakultät der UNIGE, koordiniert und konzentrierte sich auf molekulare Signaturen im Blut.

Für den Vergleich teilte das Team die Teilnehmenden in drei Gruppen ein: 39 Hundertjährige im Alter von 100 to 105 (etwa 85 percent Frauen), 59 Achtzigjährige sowie 40 jüngere Erwachsene im Alter von 30 to 60.

Krause betont, dass die Einbeziehung der Menschen in ihren 80ern keineswegs nur ein „Zusatz“ war. Erst dieser Zwischenschritt machte es möglich, feiner zu unterscheiden, wie „normales“ Altern typischerweise verläuft – und was bei Hundertjährigen davon abweicht.

„Die Achtzigjährigen ermöglichen eine feinkörnigere Analyse, wie sich bestimmte Blutmarker über ein Leben hinweg verändern, und helfen, normales Altern vom außergewöhnlichen Altern der Hundertjährigen zu unterscheiden“, erklärte er.

Auffällige molekulare Muster

Im Blutserum wurden 724 Proteine gemessen. Ein Schwerpunkt lag auf Entzündungs- und Herz-Kreislauf-Markern, da beide eng mit Krankheitsrisiken und der Lebenserwartung verknüpft sind. Aus diesen 724 Proteinen stachen 37 besonders hervor.

„Bei unseren Hundertjährigen liegen die Profile dieser 37 Proteine näher an denen der jüngsten Gruppe als an denen der Achtzigjährigen“, sagte Erstautor Flavien Delhaes, Forscher an der UNIGE.

Er weist darauf hin, dass diese 37 Proteine rund five percent der gemessenen Proteine ausmachen. Gerade dieser kleine Anteil deutet auf einen subtilen, aber entscheidenden Unterschied hin: Hundertjährige entkommen dem Altern nicht vollständig, doch bestimmte biologische Prozesse scheinen an zentralen Stellen langsamer abzulaufen.

Hundertjährige zeigen weniger zellulären Stress

Die klarsten und konstantesten Unterschiede betrafen Proteine, die mit oxidativem Stress verbunden sind – einem Prozess, der weithin als Beschleuniger des Alterns gilt.

Oxidativer Stress wird durch freie Radikale angetrieben. Chronische Entzündungen fördern ihre Entstehung, und alternde Mitochondrien erzeugen zusätzlich mehr davon, sobald ihre Effizienz nachlässt.

Bei den Hundertjährigen fanden sich auffallend niedrige Werte von fünf Proteinen, die mit oxidativem Stress assoziiert sind. Das ist bereits für sich genommen bemerkenswert. Noch überraschender war jedoch der nächste Befund: Im Vergleich zu typischen älteren Erwachsenen lagen auch die Spiegel von antioxidativen Proteinen deutlich niedriger.

„Produzieren Hundertjährige weniger freie Radikale, oder verfügen sie über eine stärkere antioxidative Abwehr?“, fragte Krause.

„Die Antwort ist sehr klar: Hundertjährige haben deutlich niedrigere Werte antioxidativer Proteine als die Standard-Geriatriepopulation.“

„Auf den ersten Blick wirkt das kontraintuitiv, tatsächlich zeigt es aber, dass Hundertjährige – weil die Werte für oxidativen Stress bei ihnen deutlich niedriger sind – weniger Bedarf haben, antioxidative Proteine als Schutz dagegen zu produzieren.“

Mit anderen Worten: Sie wirken nicht deshalb „besser geschützt“, weil sie mehr antioxidative Abwehr hochfahren, sondern weil der zugrunde liegende Stress offenbar bereits niedriger ist.

Entzündung bleibt unter Kontrolle

Oxidativer Stress war nicht der einzige Bereich, in dem sich Hundertjährige absetzten. Die Studie hob auch Proteine hervor, die an der Regulation der extrazellulären Matrix beteiligt sind – also an dem strukturellen Gerüst und gewissermassen dem „Zement“, der Gewebe zusammenhält.

Bei einigen dieser Proteine lagen die Ausprägungen bei Hundertjährigen näher an den Werten der jüngeren Erwachsenen.

Zudem fanden die Forschenden Signale, die mit einem möglichen Schutz vor Tumorentwicklung zusammenhängen könnten, wobei dies im Artikel bewusst vorsichtig als potenzielle Rolle und nicht als gesicherter Mechanismus dargestellt wird.

Auch Entzündung und Stoffwechsel fielen auf: Beim typischen Altern steigen mehrere Proteine, die an der Fettverwertung beteiligt sind, mit zunehmendem Alter deutlich an.

Bei den Hundertjährigen waren diese Anstiege wesentlich schwächer ausgeprägt. Ein zentrales Entzündungsprotein, interleukin-1 alpha, war in der Gruppe der Hundertjährigen ebenfalls niedriger als in der üblichen älteren Vergleichsgruppe.

Zusammen deuten diese Muster auf ein inneres Milieu hin, das weniger entzündlich und weniger metabolisch belastet ist – ein Zustand, der wahrscheinlich das Risiko vieler chronischer Erkrankungen senkt.

Insulin, Stabilität und Langlebigkeit

Ein besonders interessanter Marker betraf DPP-4, ein Protein, das GLP-1 abbaut. GLP-1 ist ein Hormon, das die Insulinsekretion steigert, und bildet die Grundlage mehrerer neuerer Medikamente zur Behandlung von Diabetes und Adipositas.

Bei Hundertjährigen blieben die DPP-4-Spiegel gut erhalten. Die Forschenden vermuten, dass das sogar vorteilhaft sein könnte.

„Durch den Abbau von GLP-1 hilft DPP-4 dabei, relativ niedrige Insulinwerte aufrechtzuerhalten, was sie vor Hyperinsulinismus und dem metabolischen Syndrom schützen könnte“, sagte Delhaes.

„Das ist ebenfalls ein kontraintuitiver Mechanismus und deutet darauf hin, dass Hundertjährige eine gute Glukosebalance halten, ohne grosse Mengen Insulin produzieren zu müssen.“

Der Gedanke dahinter: Metabolische Stabilität entsteht bei Hundertjährigen womöglich nicht dadurch, dass das System stärker „hochgefahren“ wird, sondern dadurch, dass es effizient und gleichmässig arbeitet.

Lehren fürs Leben über 100

Die Forschenden betonen, dass diese Arbeit kein „Langlebigkeitsrezept“ ist – und dass die Ergebnisse das Altern nicht plötzlich optional machen. Sie gehen jedoch davon aus, dass Menschen länger leben können, wenn zentrale Systeme wie oxidativer Stress, Entzündung, Gewebeunterhalt und metabolische Regulation langsamer nachlassen.

Langfristig könnte eine solche molekulare Landkarte dabei helfen, Therapien zu entwickeln, die auf eine geringere Gebrechlichkeit im Alter abzielen.

Für den Moment bleibt es bei einem praktischeren Punkt: Der Lebensstil spielt weiterhin eine grosse Rolle, weil Genetik nur einen Teil erklärt, warum manche Menschen außergewöhnlich lange leben.

Den genetischen Anteil an Langlebigkeit schätzen die Autorinnen und Autoren auf etwa 25 percent – damit bleibt viel Spielraum dafür, wie Alltagsentscheidungen den Alterungsprozess prägen. Ernährung, körperliche Aktivität und soziale Verbundenheit werden dabei als wichtige Stellhebel genannt.

Es werden sogar konkrete Beispiele angeführt: Morgens Obst zu essen, so wird angemerkt, kann den oxidativen Stress im Blut über den Tag hinweg senken.

Körperliche Aktivität könnte dazu beitragen, die extrazelluläre Matrix in einem „jugendlicheren“ Zustand zu halten. Übergewicht zu vermeiden unterstützt einen gesünderen Stoffwechsel – näher an den stabilen Stoffwechselmustern, die bei Hundertjährigen beobachtet werden.

Die zentrale Aussage ist nicht, dass Hundertjährige gegen das Altern immun wären. Vielmehr scheint der Körper einige der schädlichsten Belastungen des Alterns abzuschwächen – ein Wandel, den die Forschung nutzen möchte, um Krankheiten und Gebrechlichkeit zu begrenzen.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen