Der durchschnittliche US-Amerikaner blickt mehr als 140‑mal pro Tag aufs Smartphone, kommt dabei auf rund 4.5 Stunden tägliche Nutzung, und 57% geben sogar an, sie seien von ihrem Handy „addicted“.
Um diese Aufmerksamkeit ringen Tech-Unternehmen, Influencer und andere Content‑Produzenten – ein Wettbewerb, der den Anreiz verstärkt hat, Desinformation zu verbreiten.
Angesichts dieser schwierigen Informationslage sind ausgeprägte Fähigkeiten im kritischen Lesen so wichtig und so relevant wie lange nicht.
Gleichzeitig bleibt Alphabetisierung ein gravierendes Problem: Die Werte beim Leseverständnis sinken weiter. Die Mehrheit der Eltern aus der Gen Z liest kleinen Kindern nicht mehr regelmässig vor, weil sie es als lästige Pflicht empfindet. Und viele Studierende schaffen es nicht, ein ganzes Buch zu Ende zu lesen.
Mit endlosem Scrollen sowie dem schnellen Reposten und Teilen sind soziale Plattformen darauf ausgelegt, passives Mitmachen zu fördern – etwas, das viele nutzen, um Langeweile zu vertreiben und Stress auszuweichen.
Als Kognitionswissenschaftler und Experten für Literacy untersuchen wir, wie Menschen Informationen beim Lesen verarbeiten. Auf Basis unserer Forschung sind wir überzeugt: Deep Reading kann Desinformation wirksam entgegenwirken und zugleich Stress und Einsamkeit verringern.
Tiefe Lektüre fällt oft schwerer als ein flüchtiger Überblick. Dennoch gibt es Strategien, mit denen sich zentrale Lesekompetenzen gezielt stärken lassen.
Deep Reading versus Doomscrolling
Menschen greifen aus ganz unterschiedlichen Motiven zu Smartphone und Social Media – etwa, um Langeweile zu bekämpfen, Aufmerksamkeit zu bekommen, Kontakte zu knüpfen oder Nachrichten zu teilen. Dass scheinbar unendlich viele Informationen jederzeit verfügbar sind, kann jedoch zu Überforderung führen und dadurch beeinflussen, wie wir Aufmerksamkeit steuern und Entscheidungen treffen.
Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung helfen zu verstehen, warum permanentes Scrollen das Denken in eine eher passive Richtung trainiert.
Damit Nutzer möglichst lange dranbleiben, liefern Social‑Media‑Algorithmen bevorzugt Inhalte, die dem ähneln, womit man zuvor interagiert hat. So werden bestehende Überzeugungen durch ähnliche Posts immer wieder bestätigt. Wiederholte Begegnung mit einer Information lässt sie glaubwürdiger wirken – besonders dann, wenn mehrere Quellen dasselbe wiederholen. Dieser Effekt wird als illusorische Wahrheit bezeichnet.
Deep Reading meint im Gegensatz dazu einen bewussten Umgang mit Informationen: kritisch, analytisch und zugleich empathisch. Dazu gehört, Schlussfolgerungen zu ziehen, Zusammenhänge herzustellen, andere Perspektiven ernsthaft mitzudenken und mögliche Deutungen aktiv zu hinterfragen.
Allerdings kostet Deep Reading Energie. Es kann unangenehme Reaktionen auslösen – etwa Gereiztheit oder Verwirrung – und sich nicht selten unerquicklich anfühlen. Entscheidend ist daher: Weshalb sollte man sich auf die anstrengende Arbeit des tiefen Lesens einlassen, wenn Scrollen und Überfliegen so leicht verfügbar sind?
Mentale Anstrengung motivieren
Gedankenloses Scrollen kann Nebenwirkungen haben, die man nicht beabsichtigt. Smartphone- und Social‑Media‑Nutzung steht in Verbindung mit mehr Langeweile und stärkerer Einsamkeit. Doomscrolling wiederum hängt mit höheren Werten an existenzieller Angst und Menschenfeindlichkeit zusammen.
Aufmerksamkeit und Anstrengung sind zwar ermüdend, können aber das Gefühl von Sinn stärken und soziale Verbundenheit vertiefen. Zudem sind Menschen eher bereit, Aufgaben durchzuhalten, die ihnen helfen, persönliche Ziele zu verfolgen – besonders dann, wenn andere diese Anstrengung wahrnehmen oder anerkennen. Aus diesem Grund kann das Teilen von Büchern ein Instrument sein, um Deep Reading zu fördern.
Ein Beispiel dafür ist Unterricht, in dem Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler durch längere Texte wie Romane begleiten und das Lesen mit aktiven Gesprächen über die Bücher verbinden, um Verständnis und Interpretation zu festigen. Während weiterhin diskutiert wird, ob Schulen lieber Auszüge statt ganzer Bücher vergeben sollten, deuten Befunde darauf hin, dass ausdauerndes Lesen in sozialen Kontexten langfristige Lesefreude begünstigen kann.
Mit Blick auf soziale Bindung lässt sich Social Media sogar konstruktiv einsetzen. BookTok ist eine grosse Online‑Community, in der Menschen über TikTok Bücher besprechen und empfehlen. Fans veröffentlichen ausführliche Analysen zu „K-Pop Demon Hunters“ und anderen Filmen oder Serien – ein Hinweis darauf, dass genaue, textnahe Analyse auch im endlosen Social‑Media‑Scroll ihren Platz haben kann.
Sich beim Lesen bewusst verlangsamen
Es gibt konkrete Schritte, um sich mit dem unablässigen Informationsstrom, dem man täglich begegnet, wirklich auseinanderzusetzen. Klar ist auch: Das kann anstrengend sein, und Aufmerksamkeit wie Willenskraft sind begrenzt. Umso wichtiger ist es, die eigenen kognitiven Ressourcen realistisch einzuschätzen und bewusst zu entscheiden, wofür man sie einsetzt.
Schon das Wissen darum, wie digitale Lesegewohnheiten das Gehirn prägen, kann neue Einstellungen und Routinen im Umgang mit Informationen anstossen. Allein ein kurzer Stopp kann die Anfälligkeit für Desinformation senken. Wer sich ein paar zusätzliche Sekunden nimmt, um Inhalte bewusst zu beurteilen, kann der illusorischen Wahrheit entgegenwirken – das spricht dafür, dass selbst ein kleines, absichtliches Verlangsamen Vorteile bringt.
Tief zu lesen heisst, das Tempo gezielt zu steuern: bei Bedarf zu entschleunigen, um schwierige Passagen durchzuarbeiten, prägnante Prosa auszukosten, Informationen kritisch zu prüfen und über die Bedeutung eines Textes nachzudenken. Es geht darum, in einen Dialog mit dem Text zu treten, statt lediglich Informationen herauszufiltern.
Achtsamkeit bedeutet dabei nicht, dass man nach einem langen Tag nie doomscrollt. Es heisst vielmehr, sich bewusst zu machen, dass man häufiger bei einem einzigen Text bleiben und sich regelmässig auch mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen sollte.
Der Einstieg kann klein sein – etwa mit Gedichten, Kurzgeschichten oder Essays –, bevor man zu längeren Texten übergeht. Suchen Sie sich eine Freundin, einen Freund oder ein Familienmitglied und setzen Sie sich das Ziel, einen Roman in voller Länge oder ein Sachbuch komplett zu lesen.
Erreichen lässt sich das Ziel in überschaubaren Etappen, zum Beispiel indem Sie jeden Tag ein Kapitel lesen und anschliessend mit Ihrem Lesepartner besprechen, was Sie gelesen haben. Die Praxis des Deep Reading – etwa beim Lesen von Romanen – kann neue Perspektiven und Ideen eröffnen, die Sie im Gespräch mit anderen weiter erkunden können, persönlich oder sogar auf TikTok.
JT Torres, Direktor des Harte Center for Teaching and Learning, Washington and Lee University, und Jeff Saerys-Foy, Associate Professor für Psychologie, Quinnipiac University
Dieser Artikel wird unter einer Creative‑Commons‑Lizenz erneut veröffentlicht und stammt von The Conversation. Lesen Sie den Originalartikel.
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