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Studie der Universität East Anglia: Wie die COVID-Pandemie die Exekutivfunktionen von Kindern im Lockdown beeinflusste

Lehrerin mit Mundschutz hilft Kind beim Stapeln bunter Bausteine in einem Klassenraum mit weiteren Kindern.

Die COVID-Pandemie hat den Alltag von Millionen Familien weltweit grundlegend verändert. Schulen blieben geschlossen, Spielplätze wurden still, und viele Kinder verbrachten über lange Zeiträume hinweg fast ausschließlich zu Hause.

Während sich die öffentliche Debatte häufig um mögliche Lernrückstände drehte, weisen Forschende inzwischen auf eine weitere, weniger sichtbare Folge hin: Die Pandemie könnte die Entwicklung zentraler Denk- und Selbststeuerungsfähigkeiten bei jungen Kindern beeinträchtigt haben.

Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung der Universität East Anglia ging der Frage nach, wie sich die Pandemie auf die Fähigkeit von Kindern auswirkte, ihr Verhalten zu regulieren und ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Diese Kompetenzen werden als Exekutivfunktionen bezeichnet.

Exekutivfunktionen helfen Kindern dabei, Impulse zu kontrollieren, Anweisungen im Kopf zu behalten und flexibel zwischen Aufgaben zu wechseln. Fachleute gehen davon aus, dass diese Fähigkeiten entscheidend zum schulischen Erfolg beitragen und sogar langfristige Lebensverläufe beeinflussen können.

Exekutive Fähigkeiten in der frühen Kindheit

Exekutivfunktionen wirken wie ein inneres Steuerungssystem des Gehirns. Sie unterstützen Kinder dabei, spontane Handlungen zu stoppen, Regeln zu behalten und das eigene Verhalten anzupassen, wenn sich Anforderungen verändern.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschreiben Exekutivfunktionen als Zusammenspiel mehrerer Teilbereiche. Dazu zählen das Arbeitsgedächtnis, das Informationen kurzfristig verfügbar hält, die inhibitorische Kontrolle, die beim Widerstehen von Impulsen hilft, sowie die kognitive Flexibilität, die den Wechsel zwischen Regeln oder Aufgaben ermöglicht.

In den ersten Lebensjahren entwickeln sich diese Kompetenzen besonders schnell. Studien zeigen, dass ausgeprägte Exekutivfunktionen später mit besseren Leistungen im Lesen und in Mathematik während der Schulzeit zusammenhängen.

Außerdem bringen Forschungen diese Fähigkeiten mit langfristigen Ergebnissen in Verbindung, etwa mit beruflichem Erfolg, guter Gesundheit und stabileren Beziehungen im Erwachsenenalter.

Weil Exekutivfunktionen so viele Lebensbereiche prägen, gilt die frühe Kindheit als besonders sensibler Zeitraum für ihre Entwicklung.

Fähigkeiten vor und nach dem COVID-Lockdown

Ein Forschungsteam der Universität East Anglia, der Universität Lancaster und der Universität Durham untersuchte die kognitive Entwicklung von Kindern bereits, bevor die Pandemie begann. Dadurch konnten die Fachleute die Fähigkeiten der Kinder vor den Lockdowns mit denen nach den Lockdowns vergleichen.

In der Studie wurden 139 Kinder über mehrere Jahre begleitet – ungefähr vom Alter von 2,5 Jahren bis etwa 6,5 Jahren. Die Exekutivfunktionen wurden während des Aufwachsens wiederholt erfasst.

Zur Erhebung nutzten die Forschenden einen standardisierten Test, die Minnesota-Skala für Exekutivfunktionen. Dabei sollen Kinder Bilder nach wechselnden Kriterien wie Farbe, Größe oder Form sortieren.

An bestimmten Stellen ändern sich die Regeln abrupt, und die Kinder müssen sich zügig auf die neuen Vorgaben einstellen.

Solche Aufgaben prüfen mehrere Kompetenzen gleichzeitig: Kinder müssen sich die aktuelle Regel merken, den Impuls unterdrücken, der vorherigen Regel zu folgen, und bei Bedarf auf die neue Regel umschalten.

Die Pandemie bremste die frühe Entwicklung

Als die COVID-Pandemie im März 2020 begann, veränderten Lockdowns den Tagesablauf von Kindern schlagartig. Schulen und Kindertagesstätten schlossen, und Möglichkeiten für soziale Kontakte gingen deutlich zurück.

„Kinder, die in der Eingangsstufe der Grundschule waren, als das Land herunterfuhr, zeigten in den folgenden Jahren ein deutlich langsameres Wachstum bei wichtigen Fähigkeiten der Selbstregulation und kognitiven Flexibilität als Kinder, die noch im Kindergarten waren“, sagte Studienleiter Professor John Spencer.

Gerade die Eingangsstufe unterstützt Kinder normalerweise dabei, Klassenabläufe zu lernen, Anweisungen zu befolgen und mit Mitschülerinnen und Mitschülern in Kontakt zu kommen. Viele Kinder, die 2020 eingeschult wurden, konnten diese prägenden Erfahrungen jedoch nicht oder nur eingeschränkt machen.

„Die Eingangsstufe ist ein entscheidendes Jahr für die Sozialisation mit Gleichaltrigen“, sagte Professor Spencer. „In dieser Zeit lernen Kinder Klassenregeln kennen und knüpfen erste Freundschaften, die ihr Selbstvertrauen prägen“, sagte Professor Spencer.

Ohne diese alltäglichen Erfahrungen im Klassenraum verlangsamte sich die Entwicklung von Selbstkontrolle und flexiblem Denken.

Vorschulkinder machten schnellere Fortschritte

Die Auswertung zeigte mehrere auffällige Muster in der kindlichen Entwicklung.

Mit zunehmendem Alter verbesserten sich die Exekutivfunktionen insgesamt kontinuierlich. Dennoch bremste die Pandemie diesen Zuwachs bei Kindern, die während der Lockdowns in die Grundschule starteten.

Kinder, die zu Beginn der Pandemie noch im Kindergarten waren, entwickelten diese Fähigkeiten schneller weiter als Kinder, die bereits die Eingangsstufe besucht hatten.

Zudem stellten die Forschenden fest: Kinder, die mit etwa zweieinhalb Jahren bereits stärkere Exekutivfunktionen zeigten, erzielten oft auch einige Jahre später weiterhin gute Leistungen.

Auch der familiäre Hintergrund spielte eine Rolle. Kinder, deren Mütter einen höheren Bildungsabschluss hatten, erreichten über die gesamte Entwicklungszeit hinweg tendenziell höhere Werte bei den Exekutivfunktionen.

Als mögliche Erklärung nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Unterschiede im Lernumfeld zu Hause sowie in Eltern-Kind-Interaktionen, die Problemlösen und Denkprozesse stärker anregen.

Soziale Erfahrungen sind entscheidend

Die Studie unterstreicht, wie wichtig soziale Interaktion für die Entwicklung junger Kinder ist. In den ersten Schuljahren erwerben Kinder viele Fähigkeiten ganz nebenbei – durch Spielen, Gespräche und gemeinsame Aufgaben mit anderen Kindern.

Während der Lockdowns waren solche Gelegenheiten stark eingeschränkt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Entwicklung von Exekutivfunktionen verlangsamen kann, wenn Kontakte zu Gleichaltrigen nur begrenzt möglich sind.

Hinzu kamen weitere Belastungen in der Pandemiezeit. Viele Kinder erlebten mehr Stress zu Hause, weniger strukturiertes Lernen und insgesamt weniger Aktivitäten im Freien.

Einige Kinder erkrankten außerdem häufiger an COVID, was die Entwicklung zusätzlich unterbrechen könnte.

Diese Kombination aus Einschränkungen schuf ein schwieriges Lern- und Entwicklungsumfeld – und das in einer besonders wichtigen Phase der Kindheit.

Zusätzliche Unterstützung könnte erforderlich sein

Nach Einschätzung des Forschungsteams weisen die Ergebnisse auf eine Kindergruppe hin, die in den kommenden Jahren möglicherweise mehr Unterstützung benötigen wird.

Lehrkräfte und Schulen könnten stärker darauf achten müssen, gezielt Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und flexibles Denken aufzubauen.

Hilfreich können Aktivitäten sein, die Teamarbeit fördern, Problemlösen anregen und strukturierte Abläufe im Alltag verankern.

Die Studie wirft zudem eine zentrale Frage für die Zukunft auf: Regierungen und Bildungssysteme könnten bessere Konzepte brauchen, um die Entwicklung von Kindern in großen nationalen Krisen wirksam zu schützen.

Indem besser verstanden wird, wie Ereignisse wie die COVID-Pandemie junge Kinder beeinflussen, wollen Forschende dazu beitragen, dass Schulen und Familien Kinder beim weiteren Lernen und Wachsen gezielter begleiten können.

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