Manche Schülerinnen und Schüler betreten die Schule mit sichtbarer Zuversicht und viel Antrieb – andere kämpfen still mit Selbstzweifeln. Woran liegt das?
Forschende der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) wollten herausfinden, was in der frühen Jugend die innere Stärke von Jugendlichen prägt.
Im Mittelpunkt standen Achtklässlerinnen und Achtklässler in ganz Norwegen. Untersucht wurde, wie Motivation, Mitgefühl, Mut, Sicherheit und Wohlbefinden zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.
Schülermotivation im Fokus der Studie
In die Untersuchung flossen Daten von 7,260 Schülerinnen und Schülern im Alter von 12 bis 14 Jahren aus 183 weiterführenden Schulen ein. Das Forschungsteam arbeitete dabei mit MOT Norge zusammen – einer gemeinnützigen Organisation, die junge Menschen dabei unterstützt, Resilienz und Lebenskompetenzen aufzubauen.
Das Ziel war ebenso klar wie bedeutsam: zu verstehen, wie Jugendliche sich selbst einschätzen – in einer Phase, in der emotional und sozial vieles in Bewegung gerät. Zu Beginn der 8. Klasse füllten die Jugendlichen Fragebögen aus.
„Mehrere Faktoren beeinflussen Motivation. Wir wollten herausfinden, wie Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I dastehen, wenn es um diese Faktoren geht“, sagte Vegard Renolen Litlabø, Doktorand am Fachbereich Psychologie.
Teenagerjahre und psychische Gesundheit
Die Adoleszenz ist geprägt von intensiven Gefühlen, stärkerer Selbstwahrnehmung und wachsender Empfindlichkeit gegenüber der Meinung Gleichaltriger.
Norwegische Jugendliche berichten im internationalen Vergleich weiterhin von einem insgesamt guten Wohlbefinden. Gleichzeitig zeigen aktuelle nationale Berichte zunehmende psychische Belastungen – besonders bei Mädchen.
Angst- und Depressionssymptome haben in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Vor diesem Hintergrund wollten die Forschenden gezielt jene psychologischen Faktoren betrachten, die Jugendliche schützen können.
Zu diesen Schutzfaktoren zählen Motivation, emotionale Kompetenzen, Mut sowie unterstützende Rahmenbedingungen in der Schule.
Was treibt Lernen wirklich an?
Motivation bedeutet mehr, als gute Noten erreichen zu wollen. Sie umfasst mehrere innere Eigenschaften, die beeinflussen, wie Jugendliche Herausforderungen annehmen und Ziele verfolgen.
In dieser Studie standen vier zentrale Merkmale im Vordergrund: Leidenschaft, Durchhaltevermögen, Wachstumsmentalität und Selbstwirksamkeit.
Leidenschaft beschreibt ein starkes, echtes Interesse an etwas, das für die einzelne Person wichtig ist. Durchhaltevermögen steht für die Fähigkeit, langfristigen Zielen treu zu bleiben – auch wenn es mühsam wird.
Mit Wachstumsmentalität ist die Überzeugung gemeint, dass sich Fähigkeiten durch Einsatz und Übung verbessern lassen. Selbstwirksamkeit bezeichnet das Vertrauen in die eigene Kompetenz, Anforderungen zu bewältigen und erfolgreich zu sein.
Diese Eigenschaften greifen ineinander: Leidenschaft weckt Neugier und Begeisterung. Durchhaltevermögen sorgt dafür, dass die Anstrengung nicht abbricht, wenn Fortschritte langsam sind. Eine Wachstumsmentalität hilft, aus Fehlern zu lernen, statt aufzugeben.
Selbstwirksamkeit stützt das Selbstvertrauen in schwierigen Momenten. Zusammengenommen entsteht daraus eine stabile, nachhaltige Motivation.
Die Bedeutung von Mitgefühl
Mitgefühl nahm in der Untersuchung eine Schlüsselrolle ein. Erfasst wurden Mitgefühl für andere, Selbstmitgefühl sowie Mitgefühl, das die Jugendlichen von anderen erfahren.
Selbstmitgefühl umfasst einen freundlichen Umgang mit sich selbst, das bewusste Wahrnehmen eigener Gefühle und die Einsicht, dass Fehler zum Menschsein gehören.
Studien deuten darauf hin, dass Selbstmitgefühl vor emotionaler Belastung schützen kann. Wenn Jugendliche von anderen Freundlichkeit erleben, kann das helfen, eine wohlwollendere innere Stimme aufzubauen.
Die Auswertung zeigte einen engen Zusammenhang zwischen erfahrenem Mitgefühl und der Entwicklung von Selbstmitgefühl. Fühlen sich Jugendliche unterstützt, wächst häufig auch das innere Vertrauen.
Mut als Motor für Resilienz
Mut bedeutet, trotz Angst zu handeln – und hängt eng mit Selbstvertrauen zusammen.
Wer an die eigenen Fähigkeiten glaubt, stellt sich Herausforderungen eher, statt ihnen auszuweichen. Mut kann zudem Ängste verringern, weil das aktive Bewältigen von Befürchtungen mit der Zeit Stärke aufbaut.
Die Studie macht deutlich, dass Mut stark mit Selbstwirksamkeit verknüpft ist. Steigt der Glaube an die eigene Kompetenz, nimmt häufig auch die Bereitschaft zu mutigem Handeln zu. Jede erfolgreich bewältigte Situation kann so einen positiven Kreislauf in Gang setzen, der Resilienz unterstützt.
Schulklima, Wohlbefinden und Sicherheit
Zum schulischen Wohlbefinden gehört, gern zur Schule zu gehen, sich mit Mitschülerinnen und Mitschülern verbunden zu fühlen und unterstützende Freundschaften zu haben.
Schulsicherheit umfasst das Gefühl, sich im Unterricht und in den Pausen geschützt und sicher zu fühlen. Ein positives Schulklima zeigt sich unter anderem durch Respekt, emotionale Unterstützung und Zugehörigkeit.
Die Studie zeigte, dass die meisten Jugendlichen hohe Werte beim Wohlbefinden angaben und sich in der Schule sicher fühlten.
Das Sicherheitserleben stand in enger Beziehung zum allgemeinen Wohlbefinden. Wenn Jugendliche sich sicher fühlen, steigen häufig auch Motivation und Beteiligung.
Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen
„Jungen berichteten signifikant höhere Werte bei Leidenschaft, Durchhaltevermögen, Wachstumsmentalität, Selbstwirksamkeit, Mut, schulischem Wohlbefinden und Schulsicherheit. Sie gaben ausserdem höhere Werte beim Selbstmitgefühl an“, sagte Litlabø.
Mädchen zeigten stärkeres Mitgefühl für andere und hatten zudem den Eindruck, mehr Mitgefühl von anderen zu erhalten. Gleichzeitig berichteten Mädchen ein etwas geringeres Selbstmitgefühl.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Mädchen häufig mehr Empathie zeigen, jedoch gerade in der Pubertät auch stärker zu Selbstkritik neigen können.
Unterschiedliche Wege zur Resilienz
Obwohl Jungen im Durchschnitt höhere Motivationswerte angaben, zeigten sich bei Mädchen engere Verbindungen zwischen einzelnen Merkmalen.
„Jungen erzielten bei allen motivationsbezogenen Faktoren höhere Werte. Das ist ziemlich deutlich, wenn wir die Faktoren einzeln betrachten. Mädchen zeigten jedoch stärkere Korrelationen zwischen Selbstwirksamkeit, Durchhaltevermögen und Wachstumsmentalität“, sagte Litlabø.
Bei Mädchen waren der Glaube an Entwicklung, Beharrlichkeit und Selbstvertrauen stärker miteinander gekoppelt. Auch Schulsicherheit wirkte sich bei Mädchen deutlicher auf das Wohlbefinden aus. Wenn sie sich sicher fühlten, nahmen emotionale und motivationale Stärken zu.
„Aber es ist nicht so, dass Jungen grundsätzlich weniger Mitgefühl haben – sie scheinen mitfühlender gegenüber anderen zu sein, wenn sie mehr Mitgefühl erhalten oder stärkeres Selbstmitgefühl zeigen“, ergänzte Litlabø.
Was Schulen daraus ableiten können
Die Ergebnisse sprechen dafür, Unterstützung an unterschiedliche Bedürfnisse anzupassen. Mädchen könnten davon profitieren, den Glauben an sich selbst gezielt zu stärken und Selbstfreundlichkeit zu üben. Ermutigung und emotionale Begleitung können helfen, Selbstkritik zu verringern.
„Jungen können davon profitieren, grösseres Mitgefühl für andere zu entwickeln. Das kommt nicht nur den Jungen selbst zugute, sondern dem gesamten Schulumfeld“, schloss Litlabø.
Motivation, Mut, Mitgefühl und Sicherheit wirken nicht isoliert. Zusammen können sie eine positive Aufwärtsspirale auslösen, die Resilienz in der Jugendzeit stärkt.
Künftige Forschung wird untersuchen, wie sich diese Muster entwickeln, wenn die Schülerinnen und Schüler älter werden.
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