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Wie Neandertaler und mesolithische Jäger-und-Sammler Europa mit Feuer und Jagd prägten

Junger Wissenschaftler mit Laborjacke untersucht interaktive Europakarte mit Tierillustrationen am Schreibtisch.

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass prähistorische Menschen nicht bloss durch scheinbar unberührte Wälder zogen, sondern sie aktiv mit Feuer und Jagdwaffen umformten – und zwar mit nachweisbaren Spuren zehntausende Jahre, bevor Ackerbau begann.

Das prähistorische Europa war keine unberührte Wildnis

Lange Zeit stellten sich viele Forschende Europa während der Eiszeit und der frühen Nacheiszeit als überwiegend natürliche Kulisse vor: dichte Wälder, umherziehende Megafauna und nur wenige Menschengruppen, die den Lebensraum kaum beeinflussten. Eine neue Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PLOS One, stellt dieses beruhigende Bild jedoch infrage.

Ein internationales Team rekonstruierte mithilfe fortgeschrittener Computermodelle, wie sich die Vegetation Europas in zwei früheren Warmphasen verändert hat:

  • Letztes Interglazial (etwa 125,000–116,000 Jahre vor heute), als in Europa ausschliesslich Neandertaler lebten
  • Frühes Holozän (ungefähr 12,000–8,000 Jahre vor heute), als mesolithische Jäger-und-Sammler unserer eigenen Art, Homo sapiens, den Kontinent besiedelten

Anschliessend setzten die Forschenden ihre Simulationen in Beziehung zu detaillierten Pollendaten aus Seesedimenten sowie Torfablagerungen. Solche Pollenkörner funktionieren wie winzige Zeitkapseln: Sie zeigen, welche Pflanzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der tiefen Vergangenheit vorherrschten.

Als die Forschenden in ihren Simulationen menschliche Jagd und den Einsatz von Feuer berücksichtigten, passten die virtuellen Landschaften plötzlich deutlich besser zu den realen Pollendaten.

Damit wird eine klare Aussage gestützt: Menschen veränderten Ökosysteme lange, bevor Pflug, dauerhafte Siedlungen und domestizierte Kulturpflanzen auftraten.

Neandertaler jagten Giganten – nicht nur Hirsche

Die Modellrechnungen legen nahe, dass Neandertaler die Vegetation beeinflussten, allerdings weniger stark als spätere Menschengruppen. Sichtbar wird ihr Effekt vor allem über die Jagd auf grosse Pflanzenfresser.

Im letzten Interglazial lebte in Europa eine beeindruckende Vielfalt grosswüchsiger Tiere. Waldelefanten und Nashörner teilten sich Lebensräume mit Bisons, Wildrindern (Auerochsen), Pferden und mehreren Hirscharten. Solche grossen Weidegänger und Blattfresser hielten Flächen offen, beschädigten Jungbäume und prägten so die Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften.

Zudem sprechen Befunde dafür, dass Neandertaler gerade die grössten Tiere nicht mieden. Teilweise jagten sie prähistorische Elefanten mit einem Gewicht von bis zu 13 Tonnen – mit abgestimmter Gruppenstrategie und Nahkampfwaffen.

Weniger Elefanten und andere mega-grosse Weidegänger bedeuteten geringeren Druck auf junge Bäume, sodass sich buschigere, dichtere Vegetation ausbreiten konnte.

Den Modellen zufolge beeinflussten Neandertaler rund 6% der Verteilung von Pflanzentypen und etwa 14% der generellen Offenheit der Vegetation. Das wirkt auf den ersten Blick gering, ist angesichts der sehr niedrigen Bevölkerungsdichten jedoch ein klar erkennbarer ökologischer Beitrag.

Neandertaler waren zahlenmässig zu wenige, um grosse Säugetiere flächendeckend auszurotten. Dennoch verschoben selektive Jagd, der Einsatz von Feuer und ihre Bewegungsmuster im Gelände subtil das Gleichgewicht zwischen offenen Bereichen und geschlossenem Wald.

Mesolithische Jäger-und-Sammler gestalteten fast die Hälfte der Landschaft um

Im frühen Holozän sah Europa bereits deutlich anders aus. Die letzte Eiszeit war vorbei, Gletscher gingen zurück, und Homo sapiens hatte sich über den Kontinent ausgebreitet. Viele der grössten Tierarten waren verschwunden oder stark im Bestand eingebrochen – Teil einer globalen Welle von Megafauna-Verlusten, die auf die Ausbreitung unserer Art folgte.

Die neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mesolithische Jäger-und-Sammler die Vegetation wesentlich stärker prägten als Neandertaler.

Den Simulationen zufolge könnten mesolithische Gemeinschaften bis zu 47% der Verteilung von Pflanzentypen in Europa verändert haben.

Aus den Daten treten zwei zentrale Wirkmechanismen hervor:

  • Feuereinsatz: Kontrolliertes oder halbkontrolliertes Abbrennen von Sträuchern und Bäumen lockerte Wälder auf, begünstigte bestimmte Pflanzen und erleichterte das Wildmanagement.
  • Intensive Jagd: Durch die gezielte Bejagung grosser Pflanzenfresser nahm der Weidedruck ab. In manchen Regionen entwickelte sich dadurch eher geschlossener Kronendachwald, in anderen entstanden kleinteiligere, mosaikartige Landschaften.

Dieses Muster passt zu ethnografischen Beobachtungen bei jüngeren Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, in denen Feuer und Jagd als entscheidende Werkzeuge gelten: zur Landschaftssteuerung, zur Förderung nützlicher Pflanzen und um Tiere anzulocken.

Eine Herausforderung für den Mythos des unberührten Europas vor der Landwirtschaft

Das Forschungsteam betont, dass die Ergebnisse der verbreiteten Vorstellung widersprechen, Europa sei bis zur Ankunft von Bauern aus dem Nahen Osten vor etwa 8,000 Jahren eine unberührte Wildnis gewesen.

Die Hinweise sprechen dafür, dass Neandertaler und mesolithische Menschen „Mitgestalter“ europäischer Ökosysteme waren – nicht bloss passive Bewohner einer natürlichen Bühne.

Wälder, Grasländer und gemischte Mosaike wurden demnach bereits durch menschliche Entscheidungen geprägt: wo gejagt wurde, wo Feuer gelegt wurde und welche Tierarten gezielt ins Visier gerieten. Landwirtschaft vertiefte und formalisierte diese Beziehung, sie setzte sie jedoch nicht erst in Gang.

Wie KI und Pollenarchive die alte Ökologie neu schrieben

Hinter der zugespitzten Schlagzeile steckt vor allem eine methodische Leistung. Das Team bündelte Fachwissen aus Ökologie, Archäologie, Geologie und Palynologie, also der Pollenforschung.

Sie erstellten grossräumige Simulationen früher europäischer Ökosysteme und setzten anschliessend einen KI-gestützten Optimierungsalgorithmus ein, um sehr viele Szenarien durchzurechnen. In diesen Szenarien wurden unter anderem die Stärke von Klimaeinflüssen, natürliche Brände, Tierbestände und menschliche Aktivitäten systematisch variiert.

Geprüfter Faktor Funktion in den Modellen
Klima Grundlegende Steuerung von Temperatur, Niederschlag und Eisbedeckung
Grosse Pflanzenfresser Weide- und Verbissdruck auf Pflanzen
Natürliche Waldbrände Hintergrundstörung, die Wälder und offene Flächen formt
Menschlicher Feuereinsatz Zusätzliche, zielgerichtete Brände über natürliche Blitzfeuer hinaus
Menschliche Jagd Direkte Verringerung grosser Tierpopulationen

Indem die Ergebnisse dieser Simulationen mit realen Pollendaten aus Seen und Mooren abgeglichen wurden, liess sich erkennen, welche Faktor-Kombinationen die historischen Pflanzenmuster am besten erklären. Modellläufe ohne menschlichen Einfluss passten schlicht nicht zu den Daten.

Warum das für heutige Debatten zur Wiederverwilderung wichtig ist

Die Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem Europa stark in Projekte zur Wiederverwilderung investiert – von der Wiederansiedlung von Bisons bis zur natürlichen Wiederbewaldung aufgegebener Agrarflächen. Viele dieser Ansätze beruhen auf der Idee, einen „natürlichen“ Zustand wiederherzustellen, der vor intensiver menschlicher Landnutzung existiert habe.

Die neue Arbeit legt nahe, dass selbst ein Referenzzustand, der zehntausende Jahre zurückreicht, menschliche Einflüsse bereits einschliesst. Prähistorische Menschen verschoben Tierbestände indirekt über Jagd und lenkten Pflanzengemeinschaften durch Feuer und andere Störungen.

Renaturierungsprojekte sollten womöglich weniger an eine Rückkehr in eine menschenfreie Vergangenheit denken und stärker an die Wiederherstellung dynamischer, vom Menschen mitgeprägter Mosaiklandschaften.

Das schwächt den Naturschutzgedanken nicht. Im Gegenteil: Es schärft ihn, weil es zeigt, dass Landschaften widerstandsfähig und artenreich sein können, wenn Menschen als umsichtige Partner von Ökosystemen handeln – statt ausschliesslich als ausbeutende Kraft.

Was „Megafauna“ und „Pollendaten“ wirklich bedeuten

Zwei Fachbegriffe sind für die Studie zentral: „Megafauna“ und „Pollenarchive“. Beide sollte man einordnen, weil sie beeinflussen, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die ferne Vergangenheit interpretieren.

Megafauna meint in der Regel landlebende Tiere ab etwa 45–50 Kilogramm – also ungefähr die Grösse eines grossen Schafs oder mehr. In dieser Untersuchung zählen dazu:

  • Elefanten und Nashörner
  • Bisons und Auerochsen (die wilden Vorfahren des Hausrinds)
  • grosse Hirsche und Wildpferde

Diese Arten wirken als „Lebensraum-Ingenieure“, allein durch Fressen, Zertrampeln und Wandern. Verschwinden sie aus einem System, breiten sich Bäume anders aus, Grasländer nehmen zu oder ab, und auch Brandmuster verändern sich.

Pollendaten stammen aus Bohrkernen, die tief aus Seeböden oder Torfmooren gezogen werden. Jede Schicht steht für einen Zeitabschnitt und enthält Pollenkörner, die aus der Umgebung eingeweht oder eingetragen wurden. Über die Bestimmung der Pollentypen und die Datierung der Schichten rekonstruieren Forschende, welche Pflanzen zu bestimmten Zeiten dominierten. Dieser Langzeitverlauf dient dann als Prüfstein für Klima- und Ökosystemmodelle.

Künftige Simulationen und was sie zeigen könnten

Das Team möchte seine Werkzeuge als Nächstes auf andere Regionen anwenden, vor allem auf Amerika und Australien. Dort gab es keine Neandertaler oder andere frühere Menschenformen; besiedelt wurden diese Kontinente erst durch Homo sapiens – innerhalb der letzten 60,000 Jahre oder so.

Gerade dieser Unterschied ermöglicht ein natürliches Experiment: Vergleicht man spät-eiszeitliche Ökosysteme mit und ohne Menschen, lässt sich nachvollziehen, wie rasch die Megafauna verschwand und wie sich Pflanzengemeinschaften danach neu einstellten.

Simulationen über mehrere Zeitscheiben hinweg könnten ausserdem zeigen, ob sich das europäische Muster anderswo wiederholt: zunächst eher geringe Effekte früher Populationen, gefolgt von deutlich stärkeren Veränderungen, sobald Bevölkerungszahlen wuchsen und Werkzeug- sowie Wissensrepertoires zunahmen.

Für alle, die aktuelle Trends bei Klima und Biodiversität verfolgen, steckt darin eine ernüchternde Erkenntnis: Selbst kleine Bevölkerungen mit einfacher Technik können Ökosysteme umlenken, wenn sie dauerhaft präsent sind und grosse Räume nutzen.

Gleichzeitig deutet die Studie auch auf eine hoffnungsvollere Perspektive hin. Wenn Jäger mit Steinwerkzeugen und Feuer über zehntausende Jahre mit vielfältiger Megafauna und abwechslungsreichen Landschaften koexistieren konnten, dann kann sorgfältiges, bescheidenes und datenbasiertes Umweltmanagement heute womöglich ebenfalls Raum schaffen – für robuste Natur ebenso wie für menschliche Gemeinschaften.


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