Seit Jahrzehnten versuchen Forschende, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem unsere Vorfahren Afrika erstmals verliessen und sich nach Eurasien ausbreiteten. Diese Wegmarke veränderte die menschliche Evolution grundlegend.
Neue Befunde aus Nordisrael deuten nun darauf hin, dass dieser Aufbruch früher stattfand als lange angenommen. In der Jordansenke entdeckte Steinwerkzeuge zählen zu den ältesten bekannten Hinweisen auf Menschen ausserhalb Afrikas.
Damit rückt die Chronologie der ersten grossen Wanderbewegung weiter in die Vergangenheit – und es spricht dafür, dass frühe Homininen die Region früher und womöglich wiederholt durchquerten, statt nur einmal zufällig dort vorbeizukommen.
Fundplatz in Israel zeigt frühe Steinwerkzeuge
Am ehemaligen Ufer eines urzeitlichen Sees bei ‘Ubeidiya nahe dem See Genezareth in Israel lagen Steinwerkzeuge und Tierreste in mächtigen Sedimentschichten eingeschlossen.
Durch eine erneute Untersuchung dieser Schichten konnte Professor Ari Matmon von der Hebräischen Universität Jerusalem zeigen, dass die Sedimente, die die Werkzeuge umgeben, auf ein Alter von mehr als 1,9 Millionen Jahren datieren.
Damit läge die Nutzung des Ortes mehrere Hunderttausend Jahre früher als bislang akzeptiert und würde zeitlich zu den ältesten menschlichen Fundstellen ausserhalb Afrikas passen.
Eine solche Neubewertung erhöht zugleich den Druck, auch benachbarte Fundorte neu zu prüfen, und verlangt eine präzisere Rekonstruktion davon, wie und wann diese frühen Reisenden durch die Region zogen.
Menschen verliessen Afrika früher
Mit der neuen Datierung liegt ‘Ubeidiya zeitlich nahe am Beginn des ersten Zuges von Homininen – also menschlichen Verwandten, die näher mit uns verwandt sind als Schimpansen – nach Eurasien.
Im Kaukasus setzten frühe Besiedlungen in Dmanisi in Georgien kurz nach 1,85 Millionen Jahren ein.
Zwischen Afrika und Eurasien bot die Jordansenke Wasser und Wild; Gruppen, die nach Norden wanderten, konnten hier rasten und Ressourcen nutzen.
Wird ‘Ubeidiya in dasselbe Zeitfenster eingeordnet, wirkt ein einmaliger „Glücksabzweig“ weniger plausibel – stattdessen deutet vieles auf eine Route hin, die wiederholt genutzt werden konnte.
Ein Rätsel über 3 Millionen Jahre
In der Werkzeugschicht eingemischte Kiesel konservierten Hinweise darauf, wann sie zuletzt an der Oberfläche lagen. Unter freiem Himmel erzeugten kosmische Strahlen in Quarz und Hornstein kosmogene Isotope.
Nach der Einbettung in Sedimente endete diese Produktion, und die verbliebenen Isotope begannen mit bekannten Raten zu zerfallen – die Steine funktionieren damit gewissermassen als Uhren. Erste Auswertungen ergaben jedoch ein Alter von ungefähr 3 Millionen Jahren – deutlich älter als andere Befunde vom Fundplatz.
Statt die Messwerte zu verwerfen, rekonstruierte Matmons Team, wie ältere Schotter zunächst abgelagert und verschüttet worden sein könnten, um später wieder freigelegt und anschliessend am damaligen Seeufer von ‘Ubeidiya erneut abgesetzt zu werden.
„Die Expositions- und Begrabungsgeschichte, die aus dem Modell hervorgeht, deutet darauf hin, dass Sedimente, die zuvor im Grabenbruch-Tal abgelagert und begraben wurden, recycelt und dann entlang der Paläosee-Uferlinie von ‘Ubeidiya wieder abgesetzt wurden“, sagte Matmon.
Ein solcher Umlagerungsprozess kann Sedimente älter erscheinen lassen als die Werkzeuge, die in ihnen liegen. Erst als diese komplexe Vorgeschichte berücksichtigt wurde, liessen sich die widersprüchlichen Signale zusammenführen – und die Datierung einer etwa 1,9 Millionen Jahre alten Nutzung gewann an Gewicht.
Sedimente zeigen magnetische Umkehrungen
Auch feiner Seeschlamm in ‘Ubeidiya speicherte eine andere Art von Archiv: die Ausrichtung des Erdmagnetfeldes.
Mithilfe des Paläomagnetismus – dem Auslesen alter magnetischer Richtungen, die in Sedimenten konserviert sind – suchte das Team nach einer grossen Umkehr in der Erdgeschichte.
Im Schlamm zeigte sich inverse Polarität: Die Ablagerungen entstanden also in Phasen, in denen der magnetische Norden über lange Zeiträume nach Süden wies. Für sich genommen lieferte dieser Magnet-Check kein exaktes Kalenderjahr, aber er grenzte ein, welche Altersangaben überhaupt in Frage kommen.
Fossilien schliessen jüngere Datierungen aus
In den gleichen Schichten steckten fossile Schneckengehäuse, in denen sich Mineralpartien bildeten, als die Schalen unter Seesedimenten aushärteten.
Mit Uran-Blei-Datierung – also der Altersbestimmung über den Zerfall von Uran – las das Team die Zeitinformation direkt aus diesen Mineralzonen.
Mikroskopische Bildgebung half dabei, die saubersten Lagen im Inneren von Melanopsis-Schalen auszuwählen, sodass die Datierungen ein belastbares Mindestalter von etwa 1,1 Millionen Jahren ergaben.
Dieses Mindestalter konnte die deutlich ältere Werkzeugschicht zwar nicht erklären, schloss aber jüngere Zeitlinien aus.
Ein Knotenpunkt aus Steinwerkzeugen und Tierwelt
Das Steininventar von ‘Ubeidiya reicht von rasch hergestellten Abschlägen bis zu grossformatigen Schneidwerkzeugen – ein Hinweis darauf, dass sich die frühen Werkzeugmacher nicht auf nur eine Vorgehensweise verliessen.
Ein Teil entspricht dem Oldowan: einfache Abschläge, die von einem Steinkern abgeschlagen werden. Diese flexible Technologie liess sich mit mobilen Gruppen gut verbreiten. Weil sich solche Abschläge schnell aus lokalem Gestein herstellen lassen, passen sie zu einem Lebensstil des Aufbruchs und Anhaltens entlang neuer Routen.
Gleichzeitig tauchen am Fundplatz auch grössere Acheuléen-Werkzeuge auf – beidseitig bearbeitet und darunter Handäxte, die in Ostafrika ab etwa 1,76 Millionen Jahren bekannt sind. Dass sie ‘Ubeidiya so früh erreichen, ist bemerkenswert. Zusammen sprechen beide Werkzeugtraditionen eher für Anpassungsfähigkeit als für Isolation.
Ähnlich aufschlussreich sind die Tierreste. Knochen und Zähne aus denselben Schichten umfassen Arten mit afrikanischen und asiatischen Wurzeln und machen deutlich, dass die Jordansenke bereits damals ein biologischer Kreuzungspunkt war.
Einige dieser Tiere verschwanden später wieder aus der Region; die Fossilien halten somit ein Zeitfenster fest, in dem Wasser, Grasländer und Beute verlässlicher vorhanden waren.
Unter solchen Bedingungen bewegten sich frühe Reisende nicht durch ein „leeres“ Land. Sie nutzten vielmehr einen ressourcenreichen Korridor – einen, der wiederholte Vorstösse nach Norden Richtung Eurasien tragen konnte.
Eine Route durch sich wandelnde Landschaften
Rund 3,2 Kilometer südlich des See Genezareth lag ‘Ubeidiya an einem See, dessen Ausdehnung sich immer wieder veränderte. Stiegen die Wasserstände, legte sich feiner Schlamm über die Umgebung und versiegelte ältere Oberflächen. Fiel der Spiegel, verteilten Bäche neuen Kies über das freiliegende Gelände.
Mit der Zeit kippten tektonische Bewegungen Teile der Ablagerungen, wodurch ehemalige Uferlagen angehoben wurden und heutigen Archäologinnen und Archäologen zugänglich sind. Diese bewegte Geologie ist zugleich Geschenk und Herausforderung.
Sie bewahrt Momentaufnahmen der Vergangenheit, kann sie aber auch so umsortieren, dass die Zeitfolge schwerer zu lesen ist. Eine sorgfältige geologische Auswertung wird daher die nächsten Grabungskampagnen bestimmen – denn in einer so unruhigen Landschaft kann der älteste Nachweis gut sichtbar sein und dennoch übersehen werden.
Die präzisere Altersbestimmung von ‘Ubeidiya verknüpft nun Werkzeugherstellung, Tierwelt und eine dynamische Umwelt mit der Geschichte der frühesten Ausbreitung des Menschen nach Eurasien.
Der nächste Schritt liegt auf der Hand: Weitere Fundstellen entlang dieses Korridors müssen ebenso streng datiert werden – besonders dort, wo komplizierte Sedimentgeschichten Forschende sonst in die Irre führen könnten, wenn es darum geht, wann und auf welche Weise frühe Menschen durch die Region zogen.
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