Frühe menschliche Vorfahren könnten das aufrechte Gehen auf zwei Beinen eher in den Baumkronen erlernt haben als auf dem harten Boden der uralten afrikanischen Savanne.
Studie des Max-Planck-Instituts: Zusammenhang zwischen Nahrungssuche und Fortbewegung
Eine neuartige Untersuchung unter Leitung von Forschenden am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Deutschland stellt eine Verbindung zwischen den Nahrungssuchstrategien der Schimpansen aus dem Issa Valley in Tansania in lichten Wäldern und ihrer Art der Fortbewegung her. Das eröffnet die Möglichkeit, dass unser eigener Bipedalismus weniger dazu diente, weit über den Boden zu ziehen, sondern vielmehr dabei half, nach oben zu greifen.
Damit gerät ein fest verankertes Bild ins Wanken: Demnach hätten unsere Vorfahren, als das Klima sich veränderte und sich die Landschaft öffnete, die Bäume verlassen müssen und sich über die Savanne geschleppt – in einer fremden Umgebung, bedroht von Grosskatzen, auf der Suche nach Nahrung und Schutz.
„Seit Jahrzehnten wurde angenommen, dass der Bipedalismus entstand, weil wir aus den Bäumen herunterkamen und über eine offene Savanne laufen mussten“, sagt die Anthropologin Rhianna Drummond-Clarke vom Max-Planck-Institut.
Wann begann der aufrechte Gang – und warum?
Seit langem zählen genau diese zwei Fragen zu den reizvollsten in der Paläoanthropologie: Wann begannen frühe menschliche Vorfahren zu gehen, und aus welchem Grund?
Indem das Team das Baum-Nahrungssucheverhalten von Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) in Beziehung zu unterschiedlichen Baumtypen setzte, kamen in der aktuellen Untersuchung mehrere Hinweise ans Licht.
Issa-Valley-Schimpansen im Savannen-Mosaik: viel Zeit in den Bäumen
Die Schimpansen des Issa Valley leben in sogenannten Savannen-Mosaiken – trockenen, offenen Waldlandschaften, die den Paläohabitaten ähneln, in denen sich frühe Homininen bewegten (eine „Stammeslinie“, zu der heutige Menschen und ausgestorbene Vorfahren zählen). Es handelt sich um einige der trockensten Gebiete weltweit, in denen Schimpansen vorkommen; während der Trockenzeit von Mai–Oktober erfassen Grasbrände mehr als 75 Prozent der Landschaft.
Unerwartet ist, wie viel Zeit diese Issa-Valley-Schimpansen trotz des offenen Lebensraums in den Bäumen verbringen: nämlich genauso viel wie Schimpansenpopulationen in dicht bewachsenen Wäldern. Ein Teil der Erklärung liegt bei ihrer Nahrung, die mehr „Bearbeitung“ verlangt – Samen müssen zunächst aus Samenschoten gelöst werden, und unreife Früchte sind faseriger und erfordern beim Fressen deutlich mehr Aufwand.
Der entscheidende Punkt dabei: Weil Schimpansen vergleichsweise gross sind, bewegen sie sich in den Bäumen entweder hängend unter Ästen oder sie stehen auf und gehen aufrecht, während sie sich zur Stabilisierung an nahe gelegenen Ästen festhalten.
Diese überraschend ausgeprägte Baumnutzung und das beobachtete Gehen auf Ästen – beides wurde in anderen Populationen bereits beschrieben – stützt Hypothesen, nach denen sich urzeitliche Menschenaffen und menschliche Vorfahren in einer baumbewohnenden Umgebung schrittweise in Richtung eines gewohnheitsmässigen Bipedalismus, also des dauerhaften aufrechten Gehens, entwickelt haben könnten.
Damit steht die Idee im Gegensatz zur verbreiteten Annahme, warum wir so schnell das Gehen auf zwei Beinen „annahmen“.
Fossilienlücke und Hinweise aus Ernährung und Anatomie
Gegen Ende des Miozäns (23 to 5.3 million years ago) wandelten sich Wälder zu Savannen, was Homininen dem gängigen Bild nach in Richtung orthograder Fortbewegung (aufrechtes Gehen) gedrängt habe – um eine offenere Landschaft zu bewältigen, in der Nahrungsquellen weiter auseinanderlagen.
Problematisch ist jedoch, dass es nur wenige Hominidenfossilien gibt, die in die Zeit um das Ende des Miozäns und den Beginn des Pliozäns fallen, circa 4 to 7 million years ago. Gerade diese Phase könnte entscheidend gewesen sein, weil sich in ihr als Reaktion auf den ökologischen Wandel ein verbreiteterer, gewohnheitsmässiger Bipedalismus herausgebildet haben könnte.
Wenn überhaupt, zeigen Fossilfunde aus dem späten Miozän, dass mehrere ausgestorbene Homininen weiterhin Merkmale des Kletterns und Baumlebens besassen – darunter relativ verlängerte obere Gliedmassen und gebogene Finger.
Hinzu kommt: Untersuchungen von Zahnabrieb sowie von Kohlenstoffisotopen deuten darauf hin, dass einige Homininen selbst in offenen Lebensräumen noch in erheblichem Ausmass auf Nahrungsquellen aus Bäumen angewiesen waren. Teile ihrer Ernährung könnten der heutiger Schimpansen geähnelt haben, was diese Tiere zu einem besonders wertvollen Vergleichsmodell macht.
„Wir schlagen vor, dass sich unser zweibeiniger Gang in den Bäumen weiterentwickelte, selbst nachdem der Wechsel zu einem offenen Lebensraum stattgefunden hatte“, erklärt Drummond-Clarke.
Wie bei Stützrädern am Fahrrad könnten menschliche Vorfahren ihren Gang zunächst in den Bäumen „geübt“ haben, wo sie Äste zum Ausbalancieren greifen konnten. So hätten sie nach und nach die Fähigkeiten für aufrechte Bewegung aufgebaut, die später in offeneren Lebensräumen mit selteneren Nahrungsquellen nötig wurden – und schliesslich die Ausbreitung in nahezu jeden Winkel der Erde ermöglichten.
Die Forschung wurde in Frontiers in Ecology and Evolution veröffentlicht.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen