Häufige Unterschiede in der DNA erklären offenbar einen erheblichen Teil davon, warum manche Menschen bei Musik, Poesie und bildender Kunst eine Gänsehaut bekommen – und andere nicht.
Das Ergebnis deutet darauf hin, dass das scheinbar flüchtige Frösteln in Wirklichkeit ein messbares menschliches Merkmal ist: Es wird teilweise durch vererbte Biologie geprägt und nicht allein durch persönlichen Geschmack.
Familien hinter dem Frösteln
In Familien über drei Generationen im Norden der Niederlande zeigte sich ein Muster: Gemeinsam geteilte DNA hing eng damit zusammen, wer angab, bei Kunst und Musik Schauer zu spüren.
Ein Team um Giacomo Bignardi am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik (MPI) wertete dafür genetische Daten und Umfrageangaben von Tausenden miteinander verwandten Personen aus.
Die Grundlage bildeten Daten aus dem LifeLines-Projekt, einer Gesundheitsstudie über drei Generationen in den nördlichen Niederlanden.
In den Auswertungen ergab sich eine klare Regelmäßigkeit: Je ähnlicher sich Personen genetisch waren, desto ähnlicher war auch ihre Neigung, solche Schauer zu berichten.
Rund 30% der Unterschiede bei den angegebenen Schauern ließen sich mit familiengebundenen Faktoren in Einklang bringen; die übrige Mehrheit ging auf Einflüsse jenseits vererbter DNA zurück – darunter individuelle Lebenserfahrungen und andere nicht-genetische Effekte.
Gleichzeitig blieb ein großer Teil der Streuung außerhalb dieser vererbten Einflüsse, was auf zusätzliche Kräfte hinweist, die mitbestimmen, wie intensiv Kunst erlebt wird.
Was ästhetische Schauer sind
Gänsehaut kann auch beim Erleben von Kunst auftreten – Fachleute sprechen dann von ästhetischen Schauern: kurze Lustspitzen, die mit einem Frösteln einhergehen.
Wenn der Körper diesen Höhepunkt erreicht, ziehen sich winzige Muskeln an jedem Haarfollikel zusammen, und die Haut bildet die typischen Erhebungen.
Die Teilnehmenden bestätigten, dass sie manchmal beim Lesen von Poesie oder beim Betrachten eines Kunstwerks einen Schauer oder eine Welle der Erregung verspürten.
Solche Fragen in Umfragen erfassen nicht den genauen Zeitpunkt jedes einzelnen Schauers, ermöglichen aber großen Studien, Empfindungen mit Familienmustern in Beziehung zu setzen.
Gene von familiären Einflüssen trennen
Familienzugehörigkeit erklärte etwa 30% der Unterschiede bei Schauern – ein Wert, der als Erblichkeit bezeichnet wird, also der Anteil, der auf vererbte Unterschiede zurückgeht.
Häufige DNA-Marker machten ungefähr ein Viertel dieses Familiensignals aus. Das spricht dafür, dass verbreitete genetische Varianten – also DNA-Veränderungen, die viele Menschen teilen – einen Beitrag leisten.
Frühere Untersuchungen an niederländischen Zwillingen zeigten ebenfalls, dass ein relevanter Anteil der Unterschiede bei kunstbezogenen Schauern in Familien gehäuft vorkommt. Das stützt die Idee, dass Genetik über Erziehung allein hinaus eine Rolle spielt.
Diese Schätzwerte gelten für Gruppen, nicht für einzelne Personen, und sie lassen weiterhin viel Raum dafür, dass Lernen, Kultur und auch Zufall unsere Erlebnisse prägen.
Gemeinsame Signale über Kunst und Musik hinweg
Schauer bei Musik und bei Kunst schienen zudem teilweise dieselben genetischen Einflüsse zu teilen. Das legt nahe, dass ein Teil der Reaktion auf unterschiedliche Kunstformen auf gemeinsamen biologischen Wurzeln beruhen könnte.
Geteilte DNA-Effekte dürften eine allgemeine emotionale Sensibilität mitjustieren und damit beeinflussen, wie stark das Gehirn ein Lied oder eine Zeile als bedeutsam markiert.
Andere genetische Signale passten dagegen nicht über die Bereiche hinweg zusammen – ein Hinweis darauf, dass Musik, Poesie und bildende Kunst teilweise auf getrennten Pfaden beruhen können.
Diese Mischung aus gemeinsamen und spezifischen Einflüssen hilft zu erklären, warum jemand bei Konzerten Gänsehaut bekommt, im Museum jedoch unberührt bleibt.
Persönlichkeitsspuren in der DNA
Auch Persönlichkeit zeigte sich in den Daten: Schauer standen in Verbindung mit übergeordneten Tendenzen, die beeinflussen, wie Menschen Kunst begegnen.
Auf Basis von Ergebnissen aus 220,015 Personen erstellte das Team einen polygenischen Index – einen DNA-Score, der sehr viele winzige Effekte aufsummiert.
Höhere Werte gingen mit stärkeren Schauern in beiden Bereichen einher, doch der Score erklärte weniger als ein Prozent der Unterschiede.
In diesem Muster machte Offenheit für Erfahrungen – ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit Neugier und Kunstinteresse zusammenhängt – die Schauer nicht zu einem Persönlichkeitstest.
Gene sind kein Schicksal
„Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Genetik einen zusätzlichen Weg bieten kann, besser zu verstehen, warum Menschen manchmal dieselbe sensorische Welt subjektiv so unterschiedlich erleben“, sagte Bignardi.
Übung, Erinnerungen und sozialer Kontext können die Reaktion verstärken oder abschwächen – und Menschen wählen häufig Kunst, die zu ihren Vorlieben passt.
Kein DNA-Scan kann heute den persönlichen Schauer vorhersagen; künftige Studien werden dafür reichhaltigere Maße der Erfahrung benötigen.
Was im Körper beim Schauer passiert
Ein Schauer wirkt abrupt, folgt aber einer einfachen Schleife zwischen Gehirn und Körper: Das Gefühl steigt an, und das Nervensystem schaltet hoch.
In Musikeperimenten stieg Dopamin – ein Botenstoff im Gehirn, der Belohnung signalisiert – in dem Moment an, in dem Hörende Spitzenmomente erreichten.
Signale aus diesem Belohnungsschub spannen auch die Hautmuskeln an und verändern die Atmung; so entsteht das körperliche Frösteln, das Menschen wahrnehmen.
Kleine DNA-Unterschiede könnten einstellen, wie leicht diese Schleife in Gang kommt – ausgelöst wird sie aber durch das, was man hört oder sieht.
Grenzen der Daten
Eine deutliche Einschränkung ergab sich aus der Zusammensetzung der Stichprobe: Erwachsene aus einer Region der Niederlande, überwiegend mit europäischer Abstammung.
Zudem basierten die Angaben auf Selbstberichten. Zwei Personen können nach demselben Konzert dieselbe Bewertungsskala unterschiedlich verwenden.
Der Zugang zu den unverarbeiteten LifeLines-Genetikdaten erfordert einen Antrag, was externe Teams daran hindert, jede Analyse kurzfristig vollständig nachzuprüfen.
Um festzulegen, welche Varianten wirklich relevant sind und ob das Muster weltweit gilt, werden größere und vielfältigere Stichproben nötig sein.
Zukünftige Forschungsrichtungen
Als nächsten Schritt wollen MPI-Forschende konkrete DNA-Regionen identifizieren, die mit Schauern zusammenhängen, statt nur den gesamten genetischen Einfluss zu schätzen.
Mit größeren Gruppen und wiederholten Befragungen kann zukünftige Arbeit stabile Sensitivität besser von Tagesstimmung und Kontext trennen.
Objektive Maße wie die Hautleitfähigkeit – ein schweißgekoppeltes elektrisches Erregungssignal – könnten prüfen, ob die Berichte mit den Körperreaktionen übereinstimmen.
Jede Suche nach genetischen Zusammenhängen mit Gefühlen braucht strenge Datenschutzregeln, weil DNA ein Studienende überdauern kann.
Letztlich zeigt die Arbeit, dass ein Schauer bei Kunst teils vererbt ist und teils durch Lebenserfahrung geformt wird.
Wenn genetische Forschung über europäische Populationen hinaus breiter wird und sich von reinen Selbstberichten löst, könnten Forschende klarer verstehen, warum kulturelle Erlebnisse bei manchen Menschen intensiver nachhallen als bei anderen.
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